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Künstlerbuch

JAN VAN DER TIL: EIN KÜNSTLERBUCH ALS HYBRID

Anne Thurmann-Jajes


Keynote by Anne Thurmann-Jajes, head of the centre for artists' publications, Museum Weserburg for Modern Art, Bremen DE.

Konferenz „Omnivore / Alleskönner Buch. Das Medium der Potentiale“. Klingspor Museum in Offenbach (DE) und das Museum Angewandte Kunst 19. bis 20. Juli 2018: https://www.aepm.eu/news/symposium/


Jan van der Til beschäftigt sich mit dem Medium Künstlerbuch, nicht nur vom Material her, sondern auch als elektronische Datei. So umfasst sein Oeuvre gedruckte und digitale Künstlerbücher sowie Werke, die sowohl als reales Objekt als auch in elektronischer Form erscheinen. Letztere stehen im Zentrum dieser Untersuchung. Um sie in ihrer Erscheinungsweise eindeutig darstellen zu können, werden sie im Kontext der folgenden Ausführungen als ‚hybride‘ Künstlerbücher bezeichnet. Die besonderen Möglichkeiten des Hybriden werden an dem Künstlerbuch Book III von Jan van der Til exemplifiziert. Die Form des hybriden Künstlerbuches erfährt in diesem Kontext eine erste umfassende Würdigung.


Hybride Formen

In Meyers Grosses Taschenlexikon wurde hybrid 1983 noch folgendermaßen definiert: „hybrid, [griech.-lat.] gemischt, von zweierlei Herkunft.“[1] Im entsprechenden Eintrag bei Wikipedia steht aktuell geschrieben: „Das Substantiv Hybrid (Neutrum: "das Hybrid") und das Adjektiv hybrid beziehen sich auf etwas Gebündeltes, Gekreuztes oder Vermischtes.“[2] Ohne den Zusammenhang näher zu definieren heißt es u.a. weiter: „Unter hybriden Objekten versteht man in der virtuellen Realität Objekte, die teils aus realen, teils aus virtuellen Komponenten bestehen.“[3]

Für die folgenden Ausführungen wird der Kontext des Begriffs hybride Objekte aufgegriffen und auf das Künstlerbuch als zeitgenössische Kunstform übertragen. Im Fokus stehen dabei Künstlerbücher, die sowohl analog als auch virtuell erscheinen – also eine Verschränkung herkömmlicher und neuer elektronischer Buchformen intendieren.

Diese sogenannten hybriden Künstlerbücher implizieren Elemente von realen Künstlerbüchern, denn sie „beziehen sich entweder aufgrund ihrer Gestaltung, ihres Formats, ihrer Materialität oder ihrer Funktion auf Formen des herkömmlichen Buches. […] Das Künstlerbuch entsteht als publiziertes, gedrucktes und vervielfältigtes eigenständiges Kunstwerk aus einer künstlerischen Konzeption heraus, die in dieser Art durch keine andere künstlerische Form so auszudrücken wäre.“[4]

Hybride Künstlerbücher orientieren sich als Kunstform also daran, was im Allgemeinen unter einem Buch verstanden wird. Im Lexikon Literaturwissenschaft heißt es, das „Buch lässt sich definieren als eine Sammlung von beschriebenen, bedruckten, bemalten oder leeren Blättern aus Papier oder anderen geeigneten Materialien, zusammengehalten durch einen Umschlag oder Einband.“[5] Die Unesco definierte 1964: „A book is a non-periodical printed publication of at least 49 pages, exclusive of the cover pages, published in the country and made available to the public.“[6]

Das hybride Künstlerbuch basiert darüber hinaus auf technischen Entwicklungen, die seit Ende der 1980er Jahre elektronische Bücher, sogenannte E-Books, hervorbrachten. Sie haben sich in den letzten Jahrzehnten neben dem gedruckten Buch als feste Größe etabliert. So werden E-Books, und auch Hörbücher, als Bücher bezeichnet, obwohl sie nicht (auf Papier) gedruckt sind, sondern in digitaler Form auf E-Book-Readern oder mit spezieller Software auf Personal Computern, Tablet-Computern oder Smartphones gelesen werden. Die sogenannten hybriden Künstlerbücher besitzen damit auch Elemente von virtuellen bzw. rein digitalen Büchern und Künstlerbüchern, die ausschließlich als App, E-Book, Webseite, Animation im Internet oder als Verbindung verschiedener digitaler bzw. multimedialer Möglichkeiten bestehen.


Künstlerbücher von Jan van der Til

Die Werke von Jan van der Til (*1972, NL) treten in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf und tragen fast alle den Titel Book. Unabhängig von ihrer Erscheinungsweise sind sie durchnummeriert von Book I bis Book XXI und werden über zwei Webseiten präsentiert und archiviert: www.rhizomebook.com und www.janvandertil.nl. Die erste Webseite präsentiert die verschiedenen Werke Jan van der Tils in Sinne eines Überblicks. Dabei wird die Seite nicht nur laufend um neue Werke ergänzt, sondern bestehende Werke verändern sich auch. Sie werden in ihrem Umfang oder durch neue Elemente, wie beispielsweise kurze Filmsequenzen, erweitert, es können aber auch Teile gelöscht werden. Die zweite Webseite stellt mit Book VIII ein eigenes Werk dar, bei dem alle niederländischen Wörter aufgeführt sind, die aus den folgenden Buchstaben bestehen: j, a, n, v, a, n, d, e, r, t, i, l.

So ist Book XI beispielsweise ein Multiple in Form einer leeren Schachtel, Book IX stellt eine Edition von gerahmten Grafiken dar, wobei jede Grafik einen Begriff aus einer Wortliste abbildet, die auf der Webseite Jan van der Tils erscheint. Book XX ist ein Teppich von 297 cm x 221 cm Größe, auf dem ein Foto eines weiblichen Organs gedruckt wurde. Alle Editionen können über die Webseite bestellt werden.

Bei Book I, Book II, Book V und Book XIV handelt es sich um herkömmlich gedruckte Künstlerbücher, die ebenfalls über die Webseite Jan van der Tils bestellt werden können. Book V besteht aus 192 Seiten, davon werden 96 Seiten abgebildet. PHOTOPAPER 09 Book IV wurde 2016 vom Kasseler Fotografie Festival veröffentlicht. Book III erscheint in drei verschiedenen ausgedruckten bzw. fotokopierten Editionen und Auflagen und kann ebenfalls bestellt werden.

Folgende Werke von Jan van der Til stellen Formen digitaler Bücher bzw. Künstlerbücher dar. Ihre Abbildungen oder Texte werden vollständig auf der Webseite dargestellt bzw. in einem fortlaufenden Entstehungsprozess weiter geführt. Die Abbildungen und Texte können ausgedruckt werden, sie erscheinen dann aber wie Ausdrucke von Webseiten.

  • Book IV zeigt Abbildungen zum Thema How to do things.

  • Die Abbildungen von Book VII stellen eine

  • Book VIII basiert auf einer eigenen Webseite, wobei die niederländischen Wörter, die aus den Buchstaben j, a, n, v, a, n, d, e, r, t, i, l bestehen, auch animiert werden.

  • Book XII umfasst für das Buch zusammengesellte fotografische Facebook-Beiträge vom 28. Januar 2017 bis 20. Februar 2018.

  • Book XII enthält eine Sammlung von Abbildungen von Braun-Geräten, die zwischen 1955 und 1995 hergestellt wurden, sowie von Apple-Geräte, die zwischen 1999 und 2011 produziert wurden. Das Buch ist wie eine Webseite aufgebaut.

  • Book XVII besteht aus dem Text von 3.000 Handelsbedingungen, die in sieben Sprachen angegeben sind.

  • Book XVIII besteht aus 33 Doppelseiten, die Abbildungen von essbaren Teilen und ihrer ‚Umhüllung‘ zeigen.[7]

  • Buch XXI zeigt Kreise aus verschiedenen Farben, die durch das Mischen der Farben der einzelnen Nationalflaggen entstehen. Alle Mitgliedsländer der Europäischen Union sollen durch entsprechende Farben dargestellt werden.

Als hybride Formen des Künstlerbuches können folgende Werke von Jan van der Til bezeichnet werden:

  • 83 Fragen zum Forschungsprogramm "Deviant Practice", Van Abbemuseum

  • Aanleg van een modelsspoorbaan, Print-on-Demand, Blurb

  • Zelf repareren van autolakschades, Print-on-Demand, Blurb

  • Book III, auch bezeichnet als Book III print, stellt eine vierte Ausgabe der gleichnamigen Edition dar. Das Werk steht zum freien Download von 250 PDFs bereit.[8]

Jan van der Til selbst sagt zu seinen Büchern:
„All my work has the title 'Book'. It indicates that the work is a bundling of information that can be read, stored, reproduced, distributed and presented. I use the term 'rhizome' to describe and contextualize my ideas. A rhizome is a rootstock. The essence of a rhizome is that it has neither a beginning or an end; it is a complex of links and connections within a structure that does not lend itself to centralized control. Many wild plants, often seen as weeds, have rhizomes.“[9]

Jan van der Til bezeichnet seine Webseite www.rhizomebook.com auch als A Book by Jan van der Til.[10] Das Rhizombuch muss dabei ganz im Sinne eines in sich verflochtenen Systems begriffen werden, das sich nicht in vereinfachenden Dichotomien, d.h. einzelnen abgeschlossenen Büchern, abbilden lässt. Nach Gilles Deleuze und Félix Guattari kann ein Rhizom: „an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden, es wuchert entlang seiner eigenen oder anderen Linien weiter.“[11] So wuchert Jan van der Tils Website als Buch in viele weitere Bücher aus und in diesen immer weiter.


Book III

Das Künstlerbuch Book III von Jan van der Til ist ein besonderes Beispiel für die Form des ‚hybriden Künstlerbuches‘. Für die Darstellung und Präsentation des Werkes nutzt Jan van der Til alle digitalen und materialbezogenen Möglichkeiten. Es wird in drei gedruckten Editionen[12] zum Kauf angeboten, vollständig als PDF sichtbar sowie zum kostenlosen Herunterladen und Ausdrucken angeboten. Darüber hinaus sind Fotografien von Ausstellungspräsentationen des Werkes auf rhizomebook.com zu finden.

Für das Ausdrucken des Künstlerbuches stellt Jan van der Til ganz genaue Regeln auf: „You may download (PDF) and print Book III for free. All downloads are in accordance with the original A4 layout of Book III. Use common white office paper and basic inkjet printer for printing. Each part should be presented in a white double-folded A3 paper. Each part of Book III is encoded with an archive number, this archive number will not appear in print.“[13]

Nur wenn diese Regeln befolgt werden, handelt es sich anschließend auch um das besagte Künstlerbuch von Jan van der Til. Die Regeln entsprechen einem Zertifikat.

Die Betrachter/innen werden in die Produktion des Werkes eingebunden, denn um das Buch als individuelles reales Exemplar in der Hand halten und betrachten zu können, muss es erst ausgedruckt werden. Im Sinne einer allgemeinen Performativität wird der/die Leser/in bzw. Betrachter/in zum/zur Akteur/in und transformiert zum/zur Handelnden bzw. zu dem/derjenigen, der/die das Werk durch den Vollzug des Ausdruckens erschafft bzw. vollendet.

Mit Book III ist aber auch eine dezidiert räumliche Performanz verbunden. Diese bezieht sich zum einen wieder auf die Aktion des Ausdruckens. Durch die Anleitung des Künstlers, die genau vorgibt wie die DinA3 Bögen zu falten und wie die Ausdrucke zusammenzulegen sind – und das 250 Mal –, wird der oder die Ausdruckende zu einer Art Performance des Faltens und Zusammenlegens der ausgedruckten Seiten veranlasst, die mehrere Stunden wenn nicht Tage dauern kann. Der Akt des Ausdruckens wird zur performativen Herausforderung. Ohne diesen Akt, der durch den Künstler und seine Wahl der Art der Veröffentlichung konzeptionell intendiert ist, kann das Buch als haptisches Objekt nicht entstehen.

Die räumliche Performanz ergibt sich zum anderen durch das Lesen bzw. Betrachten, das Durchblättern und damit das Öffnen des Buchraumes.

Jan van der Til schreibt diesbezüglich: “Book III contains no text, has no commentary, is non-hierarchical and non-linear. Each part can be read next to any other part.“[14]

Das Künstlerbuch kann also von hinten nach vorne, von der Mitte an sowie kreuz und quer gelesenen oder betrachtet werden. In diesem Sinne stellt das Künstlerbuch nach Ulises Carrión eine Folge von Räumen dar. „jeder dieser räume wird in einem bestimmten moment wahrgenommen.“ Jede Seite ist anders und „jede seite ist ein individualisiertes element einer struktur.“ „in der neuen kunst erfordert jedes buch eine andere art zu lesen.“[15] Dieses trifft für beide Versionen des Buches zu. Jedoch nur bei Book III als Objekt breitet sich das Werk durch das Blättern und Auseinanderlegen der einzelnen Seiten im Raum der Betrachter/innen zu einer bestimmten Zeit aus, d.h. wenn das Buch gebraucht, benützt, entdeckt und ausprobiert wird. Genau dann, wenn die Betrachter/innen aktiv eingebunden werden, generiert es eine performative Handlung. Erst durch den Vollzug des Benutzens, der Handlung des Betrachtens erschließt sich das Buch in seiner nicht-hierarchischen und nicht-linearen sowie seiner skizzenartigen und unvollständigen Art. Book III ist damit zugleich selbstreferentiell und wirklichkeitsbildend.

Um eine umfassende Vorstellung von Book III zu erhalten ist es wichtig, die Art und Weise der Verwendung der Fotografien genauer zu betrachten.

Jan van der Til führt dazu aus: „Book III, has gardens and plants as a theme. […] Book III consists of 250 separate parts, each of which is an individual work. Each part comprises a series of individual photographs, […]. Each part displays photographs of plants and/or activities in the garden. All photographs were taken from existing plant and garden books. […].“[16]

Bei den Fotografien handelt es sich also um gefundene Abbildungen, die alle aus Pflanzen- und Gartenbüchern stammen, ohne dass vermerkt wird aus welchen Büchern und von welchen Fotograf/innen. Das Buch stellt eine Collage der gefundenen Fotografien dar, die beliebig weitergeführt werden könnte. Die Fotografie wird der künstlerischen Intention als auch der künstlerischen Gestaltung untergeordnet. Jan van der Til setzt die Fotografie gezielt zur Realisierung seiner künstlerischen Vorstellung ein. Das Kopieren der Fotografien und ihre mögliche Manipulierung, Veränderung, Beschneidung, Vergrößerung oder Verkleinerung, Verfälschung oder Verfärbung dient dabei der künstlerischen Aussage. In diesem Sinne verarbeitet und in einen anderen Kontext gestellt, erhält die Fotografie eine Verweiskraft, die über ihre Darstellungskraft hinaus geht. Die Fotografie verliert ihre Eigenständigkeit und dient zur Herstellung eines Kunstwerkes. Der ästhetischen Dimension des Kunstwerks wird diejenige der Fotografie untergeordnet. Die Abbildungen werden als Metaphern für philosophische Fragen über das Schauen, Denken und Sein, das Rhizom verwendet.

Der rhizomatische Charakter von Book III zeigt sich nicht nur in der Verwendung der Fotografie, sondern auch in seiner potentiellen Endlosigkeit. So führt Jan van der Til an: „Book III is rhizomatic in its structure and approach and is essentially imperfective.“[17] Alles ist mit allem verbunden, nichts besteht ohne das Andere. Einheit und Vielheit – der 250 Teile beispielsweise – sind ineinander verwoben. Autorschaft, Originalität, Bedeutung und Kontext werden negiert. Der Ausdruck existiert weder vor oder über der digitalen Version, noch hebt das eine das andere auf. Für Jan van der Til ist nicht nur Book III, und alle seine anderen Werke, sondern auch seine Arbeitsweise durch das Rhizom geprägt. So beschreibt er seine Arbeitsweise folgendermaßen:

„What I do manifests itself in various ways, is at times anonymous, questions authorship, originality, meaning and context. The boundaries between my work, original, and copy have gradually disappeared. The photographic images, texts and objects that I use are ‘collages’ whose authorship is open to question. I undermine and question the unique. Form, meaning, (re)presentation and even sale have factually merged and are at times indivisibly linked. As such, my work presents itself neither as a starting point nor as an end point, nor can it be defined as ‘finished’.“[18]

Book III bietet in seiner rhizomatischen Konzeption einen mehrdeutigen Blick auf die Realität. Es manifestiert und visualisiert damit als digital veröffentlichtes und durch die Möglichkeit des Ausdruckens vervielfältigtes Künstlerbuch einen konzeptionellen Kontext, der es als autonomes Kunstwerk ausweist. Datei und Buch sind nicht Träger, sondern Medium der künstlerischen Aussage.


Zur Form und Bedeutung des Künstlerbuches als Hybrid

Wie Book III zeigt, grenzt sich die hybride Form des Künstlerbuches weder vom Buch als künstlerischem Objekt noch von der Datei als digitalem Buch ab, sondern in der Verknüpfung von beidem besteht eine große Bereicherung. Das jeweilige Künstlerbuch wird als (ein) Werk in zwei Daseinszuständen veröffentlicht, die sich gegenseitig bedingen. Hybride Künstlerbücher können dabei in unterschiedlichen Formen erscheinen, als

  • ein oder mehrere PDFs, die im Internet unter einem Titel mit der Anleitung zum freien Download bzw. Drucken präsentiert werden, so wie bei Book III von Jan van der Til.

  • ein gedrucktes Buch, dessen Seiten später als PDF ins Internet gestellt werden.

  • ein Blog, dessen Beiträge nachher auch als gedrucktes Buch publiziert werden.

    Ein Beispiel hierfür ist das Buch Der verbotene Blog von Ai Wei Wei von 2011.

  • ein gedrucktes Buch, das gefilmt und im Internet als Film präsentiert wird.

    Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist das Künstlerbuch 2nd Hand Reading (2013) von William Kentridge. Das Daumenkino ist seitenweise gefilmt, dadurch animiert und mit Musik unterlegt worden.[19]

  • ein Endlos-Druck, der im Internet als e-scroll gezeigt und damit lesbar wird.

  • Print-on-Demand (POD), unter anderem über Blurb.com, Gauss PDF (GPDF) Editions, Troll Thread[20], etc.

    Der Literaturwissenschaftler Hannes Bajohr führt hierzu aus: „Gerade weil jedes POD-Objekt auf einer PDF-Datei basiert, ist es kein einfach analoges Ding, sondern, mit Villém Flusser gesprochen, ein Unding, dessen eigentümlicher ontologischer Status zwischen analog und digital oszilliert. Der Inhalt des PDF bestimmt nicht nur die Formatierung der Datei, auch ist die Datei durch die Vorgaben der Buchproduktion bestimmt, die wiederum die Poetik beeinflussen: Inhalt, Datei und Buchobjekt sind so miteinander verschränkt, dass sie jeweils aufeinander verweisen [...].“[21]

    Bei diesem ‚hybriden‘ Publishing-Modell bleibt die Verbindung zum gedruckten Buchmedium durch das Ausdrucken von PDFs oder die Bestellung über Print-on-Demand erhalten und das Buchobjekt erfährt andersherum durch die Digitalisierung eine mediale Erweiterung bzw. virtuelle Form. Die Materialität des Buches vermittelt in ihrer Dreidimensionalität ergänzende Sinneserfahrungen, die mit einer digitalen Datei allein so nicht zu vermitteln sind. Die Möglichkeiten des gedruckten Buches als reales mobiles und benutzbares Objekt mit seiner haptischen Wirkung bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Präsentation als zeitgenössisches Kunstwerk. In den letzten Jahren ist das Interesse am Material und an Materialität in der zeitgenössischen Kunst stetig gewachsen und zwar so sehr, dass von einem material turn gesprochen wird. Die hybride Form des Künstlerbuches ist ganz im Sinne dieser Entwicklung zu sehen, denn das Künstlerbuch besteht als reales Objekt und nutzt die Vorteile des Internets. Es erhält dadurch eine besondere Attraktivität, insbesondere auch für Sammler/innen und für die Präsentation in Ausstellungen.

Hybride Formen der Veröffentlichung sind besonders für Werke relevant, für die sonst keine Veröffentlichungsmöglichkeiten bestehen. Denn bei der Produktion sind keine großen Zeit- oder Geldinvestitionen, abgesehen von der Hardware, notwendig. Zudem bieten Online-Firmen wie Lulu[22] Unterstützung durch Plattformen und Programme zum Self Publishing an. Die Veröffentlichung über PDFs sowie das kostenlose Herunterladen und Ausdrucken ist im Sinne des Do-it-yourself-Prinzips auf jeder Website möglich. Die Druckkosten trägt der/diejenige, der/die das Ausdrucken vollzieht. Auch die Veröffentlichung und Bestellung über POD erfolgt in vielen Fällen kostenfrei oder zu einem sehr günstigen Preis. Die virtuelle Form des hybriden Künstlerbuches ist im Internet für jedermann sichtbar und zugänglich – nicht nur für den, der sich Bücher über PDFs herunterlädt und ausdruckt oder über POD bestellt – sowie vollständig zu lesen bzw. zu betrachten. Da über das Internet potentiell mehr Leser/innen bzw. Betrachter/innen erreicht werden können, erfährt es eine größere Zugänglichkeit und Verbreitung. Damit steht das hybride Künstlerbuch ganz in der Tradition einer Vision der Demokratisierung der Kunst, denn es ist im doppelten Sinne für jedermann zugänglich und als Objekt für jedermann erschwinglich und kostengünstig zu erwerben.

Mit der digitalen Präsentation im Internet sind Vorteile, aber auch Nachteile verbunden. Das Buch ist nur solange zugänglich, wie es online ist. Es kann jederzeit aus dem Netz genommen werden. Die Betrachtung und der Ausdruck von PDFs oder die Bestellung über POD ist auf das Internet bzw. einen Internetzugang angewiesen und darauf, dass die Verlagsplattformen online bleiben. Zudem muss die Programmierung der Plattformen regelmäßig an die neuen bzw. aktualisierten Betriebssysteme angepasst werden, um ein Funktionieren bzw. den Zugang über einen längeren Zeitraum zu garantieren. Ein gedrucktes Werk ist in seiner Verbreitung zwar begrenzter als die Zugänglichkeit eines PDFs oder PODs im Internet, jedoch ist der Druck vermeintlich haltbarer bzw. langlebiger als eine leicht löschbare oder auf Betriebssysteme angewiesene Datei.

Für die Künstler/innen ist mit der hybriden Veröffentlichung ein großer Vorteil verbunden. Dieser besteht in der Kontrolle des Werkes über die Veröffentlichung hinaus. Der/die Künstler/in behält die ‚Macht‘ über sein/ihr Werk, kann es ändern oder löschen bis zur Bestellung über POD oder bis zum Zeitpunkt des Ausdruckens der PDFs bzw. einer aktualisierten.

Die Charakteristiken des hybriden Künstlerbuches bestehen in der Ablehnung einfacher Konsumierbarkeit, in der formalen Reduktion, im Fehlen von Marketing, und in seiner performativen Dimension. Die Beziehung zwischen Leser/innen, Autor/innen bzw. Künstler/innen und Herausgeber/innen wird rekonfiguriert. Inhalt, Datei und Buchobjekt gehen ineinander auf.

 


[1] {Digel 1983 #5D}

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Hybrid, 30.9.2018

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Hybrid, 30.9.2018

[4] {Thurmann-Jajes 2010 #6D: 51}

[5] Lexikon Literaturwissenschaft 2011, S. 46

[6] http://portal.unesco.org/en/ev.php-URL_ID=13068&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html, 2.10.2018.

[7] Zwischen November 2018 und Februar 2019 wurden kurze Filmsequenzen hinzugefügt. Während das Buch im Oktober 2018 noch zum freien Ausdrucken angeboten wurde, ist dieses im Februar 2019 nicht mehr der Fall. (Anmerkung der Autorin)

[8] https://www.rhizomebook.com/c-1967187/book-iii-print/, 2.10.2018

[9] https://www.rhizomebook.com/c-4454504/jan-van-der-til/, 2.11.2018

[10] http://www.janvandertil.nl/, 17.02.2019

[11] Gilles Deleuze, Félix Guattari (1977): Rhizom. Aus dem Französischen übersetzt von Dagmar Berger. Berlin: Merve Verlag, S. 16.

[12] Als versiegelte Edition in 3 Ausgaben mit Echtheitszertifikat (Tintenstrahldruck), als versiegelte Edition in einer Auflage von 5 Exemplaren mit Echtheitszertifikat (Tintenstrahldruck) und als versiegelte fotokopierte Edition in einer Auflage von 7 Exemplaren mit Echtheitszertifikat.

[13] https://www.rhizomebook.com/c-1967187/free-print-book-iii/, 16.02.2019

[14] Siehe https://www.rhizomebook.com/c-3684286/book-iii-about/, 2.10.2018.

[15] Carrión

[16] Siehe https://www.rhizomebook.com/c-3684286/book-iii-about/, 2.10.2018.

[17] Siehe https://www.rhizomebook.com/c-3684286/book-iii-about/, 2.10.2018.

[18] https://www.rhizomebook.com/c-4454504/jan-van-der-til/, 1.10.2018

[19] Der mit afrikanischer Musik unterlegte Film wurde bei YouTube eingestellt. https://www.youtube.com/watch?v=IEfUjg5viGk, 6.10.2018

[20] Trollthread.tumblr.com

[21] {Hannes Bajohr 2018 #10D: 153}

[22] www.lulu.com


 

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